07. Dezember 2015 | Gesundheit, Neuigkeiten

Antiretrovirale Medikamente: Schutz vor HIV-Infektion

Antiretrovirale Medikamente: Schutz vor HIV-Infektion

Die Einnahme antiretroviraler Medikamente vor und nach dem ungeschützten Sex könnte vor einer möglichen HIV-Infektion schützen. (Bildquelle: © Mariia Pazhyna – Fotolia.com)

Während der HI-Virus vor einigen Jahren noch ein sicheres Todesurteil war, kann man heutzutage trotz HIV-Infektion ein relativ normales Leben führen. Mit der richtigen – und vor allem rechtzeitigen – Medikation erreicht man eine normale Lebenserwartung, kann eine Familie gründen und ist für andere Menschen nicht ansteckend.

Das Zauberwort lautet an dieser Stelle antiretrovirale Therapie. Mit Hilfe dieser Behandlungsform kann eine HIV-Infektion zwar immer noch nicht geheilt und aus dem Organismus verbannt werden, sie lässt sich aber aufhalten. Die Therapie sorgt nämlich dafür, dass sich die HI-Viren nicht mehr vermehren können.

Während antiretrovirale Medikamente früher vor allem dazu verwendet wurden, um eine bestehende Infektion bestmöglich aufzuhalten, werden die Medikamente in Zukunft vielleicht als eine Art Kurzzeit-Impfung verwendet. Bisherige Erkenntnisse dazu sind vielversprechend:

Eine aktuelle Studie hat gezeigt, dass man eine HIV-Infektion bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr verhindern kann, wenn man vor und nach dem Sex jeweils zwei Pillen einnimmt. Was für Pillen das sind und wie diese funktionieren, erfahrt Ihr im folgenden Artikel. 

Wie funktionieren antiretrovirale Medikamente?

In allen tierischen Organismen dient die doppelsträngige DNA als Speicherort des Erbguts, wohingegen die einsträngige RNA lediglich als eine Art Zwischenspeicher dient.

Bei einem Großteil der Viren sieht die Situation allerdings anders aus: Hier ist die einsträngige RNA der Speicherort des Erbguts. Doch wie schaffen Viren es dann, das eigene Erbgut als DNA in das tierische Genom zu integrieren, damit die tierischen Zellen weitere Viren produzieren? Für diesen Zweck verfügen Viren über spezielle Enzyme, die dafür sorgen, dass die eigene RNA in DNA umgeschrieben und in das Genom des Wirts eingepflanzt wird.

Dieses Enzym wird bei einer antiretroviralen Medikation gehemmt, sodass die Viren keinen Einfluss mehr auf das Genom des Wirtes haben. Man spricht von einem Reverse-Transkriptase-Hemmer. Auf diese Weise wird die Vermehrung der Viren aufgehalten – zu einer endgültigen Heilung der Krankheit kommt es allerdings nicht.

Studie bestätigt schützende Wirkung

Am Hopital Saint-Louis in Paris hat ein Team aus Forschern um Jean-Michel Molina die schützende Wirkung von antiretroviralen Medikamenten untersucht. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift The New England Journal of Medicine veröffentlicht.

Als Studienteilnehmer wurden insgesamt 400 homosexuelle Männer eingesetzt, die aufgrund ihres Lebensstils einem sehr großen Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind. Im Klartext heißt das, dass man als Studienteilnehmer in den vergangenen sechs Monaten mit mindestens zwei verschiedenen Männern ungeschützten Analverkehr haben musste. Alle teilnehmenden Personen mussten außerdem HIV-negativ sein.

Zu Beginn der Studie erhielt jeder Mann eine eingehende Beratung, Kondome, Gleitgel und eine Packung mit Pillen. Es sollten jeweils zwei Pillen in einem Zeitraum von zwei bis 24 Stunden vor dem Geschlechtsverkehr eingenommen werden. Eine weitere Pille sollte 24 Stunden nach dem Sex eingenommen werden, eine vierte Pille 48 Stunden später. Im Durchschnitt hat jeder Studienteilnehmer 15 Pillen im Monat verbraucht.

Wichtig ist hierbei anzumerken, dass es sich nicht immer um dieselben Pillen gehandelt hat. Eine Gruppe erhielt das HIV-Medikament Truvada, die andere erhielt lediglich ein Placebo.

Die Studienteilnehmer wurden durchschnittlich über einen Zeitraum von circa neun Monaten hinweg von den Forschern begleitet.

Truvada sorgte für eindeutige Ergebnisse

In der Gruppe, die Truvada einnehmen sollte, infizierten sich nach neun Monaten insgesamt zwei von 199 Männern, also 1%. Beide infizierten Männer gaben an, dass sie das HIV-Medikament nicht eingenommen haben.

In der Gruppe, die das Placebo erhalten hat, infizierten sich 14 von 201 Männern, also knapp 7%.

Truvada hat das Ansteckungsrisiko also statistisch gesehen um 86% reduziert. In der Studie wurden 100% der Männer, die das Medikament auch tatsächlich eingenommen haben, vor einer HIV-Infektion bewahrt.

Nebenwirkungen

Die Nebenwirkungen solcher Medikamente sollten nicht unerwähnt bleiben, da sie vor allem bei dauerhafter Einnahme einen großen Einfluss auf die Lebensqualität der Patienten haben können. Viele Männer litten während der Einnahme von Truvada unter Magen-Darm-Problemen, Übelkeit, Durchfall und/oder leichten Nierenproblemen.

Was bedeuten diese Ergebnisse?

Wir möchten nicht verschweigen, dass bereits ähnliche Studien durchgeführt wurden, die gezeigt haben, dass HIV-Medikamente bei täglicher Einnahme keinen Nutzen haben. Die Redaktion von Spiegel.de – der Hauptquelle für diesen Artikel – erklärt diesen Umstand so, dass gesunde Menschen sich nicht motivieren können, solche Pillen regelmäßig einzunehmen – vor allem dann nicht, wenn man mit Nebenwirkungen zu kämpfen hat.

Statt einer täglichen Dosis macht die Einnahme vor und nach dem Sex deshalb deutlich mehr Sinn. Allerdings müssen wir an dieser Stelle anmerken, dass man nicht immer vorausplanen kann, wann man Sex hat. Das Medikament soll schließlich spätestens zwei Stunden vor dem Verkehr eingenommen werden.

Antiretrovirale Medikamente werden Risikogruppen empfohlen

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt gefährdeten Personenkreisen bereits jetzt, antiretrovirale Medikamente wie beispielsweise Truvada vor und nach dem Sex einzunehmen. Im Falle von ungeschütztem Geschlechtsverkehr könnten diese kleinen Pillen schließlich das Einzige sein, was zwischen Sex und einer HIV-Infektion steht.

Günstige Alternative: Kondome schützen zu 100%

Wenn Kondome richtig eingesetzt werden, schützen sie bisher als einziges Verhütungsmittel zuverlässig vor Geschlechtskrankheiten. Sie sind zudem weitaus günstiger als HIV-Medikamente und können so gut wie überall erworben werden.

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